Verehrte Leser: Jan Lübbers hat den Lauf in Darlington nicht gewonnen. Dies war auch von niemandem erwartet worden. Dennoch durfte die Zuschauerschaft Notiz davon nehmen, wie Lübbers eine gehörige Rolle im Kampf um den Tagessieg spielte und sogar noch einen dritten Platz abstaubte.
Der Besagte machte - wie üblich - während des Trainings durch, teils erfolgreiche, Versuche einzelner schneller Runden auf sich aufmerksam. Den ersten Startplatz erfuhr sich allerdings Florian Kirchhofer. Er ist damit neben René Müller der einzige Pilot, dem dies in der laufenden Saison bereits zweimal gelang. Als Gewinner der Startphase zeigte sich dagegen der von Platz zwei losgefahrene Matthias Wurm, der zuerst einen Angriff von Lübbers abwehrte und schon beim Vollenden der ersten Runde Kirchhofer ausbeschleunigte und den Platz an der Sonne übernahm.
Vertrautere Bilder zeigten sich nach den Boxenstopps anlässlich der in Runde acht ausgerufenen Gelbphase: Sven Mitlehners Mannschaft katapultierte denselben auf Rang eins - während Primärkonkurrent Sebastian Boll auf sechs zurückfiel. Boll jedoch zeigte sich überaus angriffslustig und fuhr binnen der nächsten fünf Runden auf Platz zwei vor. Wenig später bereits rasten die Erzrivalen Seite an Seite auf Turn 1 zu; doch die Enge des Kurses forderte ihren Tribut, Mitlehner prallte von Boll ab und beschädigte sein Fahrgerät an der Außenwand.
Somit verschwand "Metin" im Mittelfeld; einige Beobachter befürchteten erhebliche Beeinträchtigungen im Leistungsvermögen des Mitlehnerschen Gefährts. Vorne sammelte Boll Führungsrunden, verfolgt erst von Wurm, dann von Kirchhofer. Runde 65 brachte die dritte Gelbphase des Abends und vorübergehend Kirchhofer an die Spitze. Kurz nach Rennhälfte, in Runde 78, begann der längste Greenrun des Rennens; zwanzig Umläufe später die erste große Überraschung: Bolls Vehikel, das Kennern der Szene als eines der standfestesten der NASCAR-Geschichte bekannt ist, begann stark zu rauchen, und ohne jeglichen Vortrieb musste der einfache NWL-Champion seine Siegesambitionen begraben.
Mitlehner, dessen Auto doch recht ordentlich lief, erbte die Führung, gefolgt von Lübbers, der bis dahin ein überaus solides Rennen ablieferte. Mit Runde 112 begannen erste Aufsuchungen der Boxencrews; Kirchhofer wurde zuerst in der Boxengasse gesichtet, Lübbers kam in Runde 115 und drei Umrundungen später wurde auch Mitlehner, der seinen Vorsprung gegenüber Lübbers auf 15 Sekunden ausgeweitet hatte, zwecks Nachtanken und Reifenwechseln bei seiner Mannschaft vorstellig. Den ersten Platz übernahm Steffen Piplat, bis dato unauffällig wie eh und je. Erstes Stirnrunzeln zeigte sich bei der Konkurrenz: Piplat war der einzige Fahrer aus der Führungsrunde gewesen, der in der letzten Gelbphase getankt hatte. Lag hier etwa eine Sensation in der Luft? Oder konnte man ohnehin darauf vertrauen, dass eine weitere Gelbphase sämtliche Rechnereien über den Spritverbrauch hinfällig machen würde?
Maik Steinicke gab die Antwort, indem er in Umlauf 123 Bittner abschoss. Freilich waren Piplats Chancen damit keineswegs aus der Welt geschafft, denn lediglich Kirchhofer schaffte so eben den Sprung zurück in die Lead Lap. Doch wenig später duellierte sich Lübbers, der gerade von Mitlehner überholt worden war, erfolgreich mit Thomas Sch. - jedenfalls bis beide ausgangs Turn 4 kollidierten und unmittelbar vor Piplats Nase, die dem Unfallgeschehen gerade so ausweichen konnte, eine weitere Rennunterbrechung einleiteten. Damit tilgten neben Mitlehner auch die genannten Streithähne ihren Rundenrückstand.
Doch Lübbers gab sich mit dem Stand der Dinge nicht zufrieden und fuhr Sch., kaum war das Rennen wieder freigegeben, kurzerhand ins Heck. Vorne atmete Piplat kurzfristig auf. Bei noch sieben ausstehenden Umläufen abermals Grün: Piplat in Front, Mitlehner, Kirchhofer und Lübbers in Verfolgung. Der bisher in seiner ganzen Karriere sieglose Routinier lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und bleibt sämtlichen Wänden fern. Vier Runden vor Schluss erledigt sich die Geschichte: Ein Fahrer, dessen Name sich dem werten Leser inzwischen eingeprägt haben dürfte, macht sich an Kirchhofers Rückleuchten zu schaffen. Der Letztere setzt all seine Fahrkunst ein, um den Dreher und damit das vorgezogene Ende des Rennens zu verhindern, doch von hinten schnellt NWL-Bomber David de Lama heran, nimmt Kirchhofer aufs Korn und trifft. Wenige Minuten später geht ein Schrei durch Piplats Boxenfunk: Als Erster überquert er die Ziellinie und darf seinen lange verdienten Premieren-Sieg feiern. |